Schluss mit dem Verlagsschwindel

Schluss mit dem Verlagsschwindel
Self-Publishing 7 Kommentare

Der junge Mann erzählt mir freudestrahlend von seinem ersten Buch. Natürlich ein Fantasy-Titel. Er berichtet von Schlachten und Verwicklungen und hinterlässt mich eher verwirrt als informiert. Dann sagt er einen Satz, der mich aufhören lässt: »Ich habe jetzt einen Verlag und bald kommt das Buch heraus.« Ich stutze. »Okay«, denke ich. »Da wird der Verlag wohl etwas erkannt haben, dass ich bisher nicht sehen kann.« Dann nennt mir der junge Mann den Namen seines Verlags.


Nicht alles, was Verlag sagt, ist auch einer.


Er sagt, sein Buch würde bei Tredition erscheinen. Jetzt wird es mir klar. Da ist mal wieder jemand, der nicht genau weiß, was genau ein Verlag ist. Wobei Anbieter, wie Tredition, diese Unwissenheit durchaus ausnutzen. Aber es ist ein Etikettenschwindel.
Schauen wir mal, was Wikipedia zur Tätigkeit eines Verlags schreibt:

»Der Verlag oder der Verleger als Person erwirbt in der Regel das ausschließliche Nutzungsrecht am Werk eines Autors (Urheberrecht) aufgrund des Verlagsvertrages und sorgt für Herstellung (bei Büchern und Zeitschriften Vorbereitung des Druckes) und Druck bzw. Vervielfältigung des Werkes sowie dessen Finanzierung. Zudem sorgt er für die Werbung und den Verkauf; zu diesem Zweck erstellt der Verlag eigene Kataloge.«

Wikipedia

Wir kennen nur Verlage.


Verlage gibt es, seit der Buchdruck im 15. Jahrhundert seinen Siegeszug begann. Seit Generationen konnte sich daher ein Bild von Verlagen und deren Arbeit in uns einprägen. Es ist fest verbunden mit dem Weg, den ein Buch zu nehmen hat, um an seine Leser zu kommen. Doch nun entwickelt sich das Selfpublishing. Plötzlich entstehen ganz neue Wege, die in diese über Jahrhunderte gewachsene Vorstellung nicht mehr hineinpassen. Der Mensch tut sich aber generell schwer mit Veränderungen und versucht daher immer, alles in seinem alten Raster zu bewerten. Daher nennt sich beispielsweise Tredition »Das moderne Verlagskonzept«, obwohl es im engeren Sinne gar kein Verlag ist. Und Menschen, wie der oben erwähnte junge Mann, können dies nicht differenzieren.

Wir müssen unterscheiden lernen.


Wenn ich Diskussionen in Selfpublishing-Gruppen lese, entdecke ich immer wieder, dass Teilnehmer nicht genau unterscheiden können, was ein Verlag ist und was nur ein Dienstleister.

Grundregel ist, wenn man als Autor oder Autorin Geld bezahlt, ist es kein Verlag.

Dabei machen es einem manche Dienstleister aus verschiedenen Gründen nicht leicht. TwentySix nennt sich beispielsweise »Der Selfpublishing-Verlag«. Dies bedeutet übersetzt der »Der Selbstverlag-Verlag« und macht gar keinen Sinn. Spricht aber das Bedürfnis vieler an, doch bei einem Verlag zu sein. Dieses Vorgehen rückt die Anbieter aber recht nahe an die Taktik von Druckkostenzuschussverlagen, die den Traum von einem Verlag für das eigene Buch schamlos ausnutzen.

Unser System kennt nur Verlage.


Aber unser ganzes System ist gewachsen und auf die Umwälzungen des Selfpublishing noch nicht eingestellt. Daher erscheinen Verlagsbegriffe immer wieder dort, wo sie genau genommen nicht passen. Dienstleister, wie BoD, empfehlen, z.B. ihren Namen als Verlag ins Impressum des Buches zu setzen, obwohl sie genaugenommen kein Verlag sind. Dies macht zwar durchaus Sinn und ist sogar ein Service für die Autoren, führt aber natürlich zu einer fehlerhaften Wahrnehmung. Wenn ich von Barsortimentern angeschrieben werde, steht dort immer »Nentwich Verlag«, weil sie einfach nur Verlage kennen. Es gibt nichts anderes im System. Wobei die Bezeichnung Verlag auf mich noch eher zutrifft, als auf Tredition und andere.

Lasst es uns ändern.


Ich plädiere daher dafür, dass die Unternehmen aufhören, sich ein Etikett zu geben, das nicht stimmt. Was ist verwerflich daran, ein Dienstleister für Selfpublishing zu sein? Hat man etwa Angst, dies könnte weniger werbewirksam sein? Wenn die Unternehmen im Selfpublishing nicht endlich die Fesseln des Althergebrachten loslassen, wie sollen wir es dann von den Anderen erwarten? Zudem wäre es sinnvoll, Regelungen und Gesetze zu durchforsten und sie an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Wir sollten es alle fordern.

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7 Kommentare Schluss mit dem Verlagsschwindel
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  • Tiefe

    Ich finde das Plädoyer nett, aber für die Leser, die nicht so im Thema stehen: Bitte erklär kurz (tabellarisch?), was Dienstleister wie TwentySix und Tredition von Verlagen, aber auch von Druckkostenzuschluss-Verlagen unterscheidet. Oder kannst du einen Link empfehlen, in dem das einfach und gut erklärt wird?

    Denn TwentySix wird von Randomhouse und BoD unterstützt - also kann das doch nicht "böse" sein?

    • Tiefe

      Liebe Evy,

      im Artikel habe ich ja die Definition eines Verlages wiedergegeben. Diese Kriterien treffen auf Tredition und TwentySix nicht zu. Ich möchte aber keineswegs den Eindruck erwecken, dass die Unternehmen "böse" sind. Nur ihre Werbeaussagen sind verwirrend und nicht korrekt.

      Herzlichen Gruß,

      Vera

      • Erklärung

        Die Idee dahinter finde ich auch gut :-) Ich hatte beim Lesen einen Leser im Kopf, der verwirrt ist. Es gibt viele Neu-Autoren, die nicht wissen, welche Möglichkeiten es gibt und was die Vor- und Nachteile sind. Daher vermute ich, dass jemand von "TwentySix ist kein Verlag" verwirrt ist, weil "Dienstleister" ein weiter Begriff ist. Das Programm, das TwentySix anbietet, hat ja auch Vorteile gegenüber einem "klassischen" Verlag - aber es verlangt, so mein Eindruck, mehr Eigenanteil bei der Vermarktung.

    • Verlag oder nicht Verlag

      Liebe Vera, vom Prinzip her hast du recht. Aber eben nur vom Prinzip her. Generell zu behaupten, ein Verlag wäre nur dann einer, wenn er kein Geld verlangt, sondern welches überweist, stimmt nicht.

      Ich habe ausgiebig mit zwei Anwälten über dieses Thema gesprochen, beides sind auf Medienrecht spezialisiert. Ich habe beide gefragt, ob "Edition Blaes" sich Verlag nennen darf oder nicht.

      "Selbstverständlich darfst du Edition Blaes als Verlag bezeichnen" war die Antwort.

      Weißt du, liebe Vera, ich bin im Grunde gar nicht scharf darauf, bei Edition Blaes im Untertitel die Bezeichnung "Der kleine Verlag" zu führen. Aber es geht nicht anders, denn: ich biete nicht nur Autorendienstleistungen an, sondern mache eben genau das, was ein Verlag macht: Ich bringe das Buch unter meinem Label (darauf legen die Autoren Wert) auf den Markt. Ich liste das Buch mit verlagseigener ISBN bei VLB (und Amazon). Ich mache aus dem Buch ein Ebook und veröffentliche es ebenfalls auf den gewünschten Kanälen.

      Ich biete alle Dienstleistungen an, die ein Autor braucht – und nach seinen individuellen Bedürfnissen auswählt.

      Meine Dienstleistungen mache ich engagiert und professionell, weil ich seit sehr vielen Jahren im Buchgeschäft bin. Ich berechne keinen Cent im Voraus, sondern erst, wenn die Arbeit abgeschlossen und der Kunde zufrieden ist.

      Und: meine Autoren bezahlen zwar Honorar für meine Dienstleistungen, aber dafür erhalten sie auch 100 % ihrer Einnahmen aus dem Buchverkauf.

      So hat vor einigen Monaten eine Kochbuchautorin ihr Buch bei mir veröffentlicht. Die erste Auflage (2.000 Stück) war nach einer Woche verkauft, und ihr Buch war tagelang Nr. 1 bei "Kochbücher nach Ländern" bei Amazon. Sie hatte sogar Jamie Oliver überholt.

      Die zweite Auflage (deutlich höher als die erste) ist auch fast wieder verkauft. Und sämtliche Einnahmen erhält die Autorin zu 100 %. Ich profitiere also mit keinem Cent von ihrem Erfolg. Aber genau das ist halt mein Verlagskonzept: ich berechne meine Dienstleistungen + der Autor kassiert die Einnahmen aus dem Verkauf.

      Mein Verlagskonzept ist anders als das der üblichen Verlage. Aber es ist auch anders als das der üblichen Zuschussverlage, von denen leider viele die Autoren abzocken.

      All das erkläre ich klar und unmissverständlich – und gut sichtbar – auf meiner Website. Und wenn ein Autor mich anruft, ist meine erste Frage, ob er mein Verlagskonzept kennt. Denn nichts liegt mir ferner, als Autoren über den Tisch zu ziehen.

      Die Verlagslandschaft ist einem Wandel unterworfen – wie so vieles andere auch. Deshalb ständig zu sagen: "Ätsch, Edition Blaes ist gar kein Verlag, weil du Honorar verlangst", ist kurzsichtig, engstirnig und völlig an der Realität vorbei. Ich publiziere Bücher, und das Verlegen von Büchern ist das Wesen eines Verlags. Und wer immer wieder (du machst erfreulicherweise nicht, aber andere – gebetsmühlenartig) behauptet, Verlag käme von "vorlegen", hat sich nicht richtig informiert. Denn das ist eine weitverbreitete Behauptung, die nicht verifiziert werden kann.

      Über dieses Thema (Verlag/Zuschussverlage) habe ich in meinem Blog übrigens schon öfter und ausführlich geschrieben. Weil es mir auf den Zünder geht, immer wieder eine Schublade geschmissen zu werden, in die ich nicht rein gehöre …

      • Verlag oder nicht Verlag

        Liebe Renate,

        rechtlich gesehen hast du recht. Der Begriff "Verlag" ist nicht geschützt. ich kann mir einen Gewerbeschein holen, Verlag hineinschreiben und schon bin ich einer. Allerdings ist das Bild eines Verlages in der Öffentlichkeit ein anderes. Eine Firma, die Geld vom Autor nimmt, mag sich Verlag nennen, im tieferen Sinne, so wie die Menschen Verlage empfinden, ist sie es nicht. Denn Verlag impliziert, dass jemand in das Werk eines Autors investiert und nicht am Autor verdient. Es ist völlig okay, Dienstleistungen für Autoren anzubieten. Dabei aber von einer Verlagsvorstellung zu profitieren, die nicht erfüllt wird, ist grenzwertig. Und gerade da immer wieder so pauschal zwischen Verlag und Selfpublishing differenziert wird und Selfpublishing oft als minderwertig gegenüber Verlagen dargestellt wird, sollten wir hier für Korrektheit sorgen und die Dinge so bennenen, wie sie sind.

        Herzlichen Gruß,

        Vera

        • Aha

          Liebe Vera,

          du schreibst u. a. : "Denn Verlag impliziert, dass jemand in das Werk eines Autors investiert und

          nicht am Autor verdient."

          Demzufolge sind also alle herkömmlichen Verlage philantropische Institute, die nicht am Autor verdienen. Was für eine Ausnahmeerscheinung – in einer Welt, die allgemein doch nur auf schnöden Mammon aus ist!

          Es gäbe noch mehr zu deiner Antwort zu sagen, ich erspare mir das aber.

          Viele Grüße

          Renate

          • Aha

            Entschuldige bitte, Renate,

            das war missverständlich von mir ausgedrückt. Natürlich wollen und müssen Verlage Geld verdienen. Ich meine aber, dass sie es nicht vom Autor kassieren, sondern eben durch die gemeinsame Vermarktung des Werkes verdienen sollten.

            Wie schon gesagt, ist es völlig in Ordnung, Dienstleistungen für Autoren anzubieten und sich diese bezahlen zu lassen. Es ist eben nur nicht das Bild, dass man gemeinhin von einem Verlag hat.

            Herzlichen Gruß,

            Vera